Helden. Verehrt. Verkannt. Vergessen.

Helden. Verehrt. Verkannt. Vergessen.

Die Schüler/innen- Daria, Lola, Lucas, Philipp, Saskia und Yvette- der Kl. 5b der Spartacus- Grundschule in Berlin- Friedrichshain, die im Schuljahr 2008/ 2009 am Religionsunterricht teilgenommen haben, der von Frau Schrimpf( evang.) und Frau Körner( kath.) erteilt wurde,haben am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten Horst Köhler und der Körber- Stiftung/ Hamburg mit dem Titel „Helden. Verehrt. Verkannt. Vergessen.“ teilgenommen.

Für die Arbeit bekamen die Schüler/innen am 3. Juli 2009 im Deutschen Historischen Museum die Urkunden für den Landessieg überreicht.

Die Schüler/innen schreiben in ihrer Arbeit: Als wir im Juni 2008 vom Thema des Geschichtswettbewerbs hören und darüber diskutieren, stellen wir schnell fest, dass wir alle etwas anderes unter einer Heldin/einem Helden verstehen. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen von Mut und Tapferkeit.

Wir haben Mitschüler, Lehrer, Eltern, Familienangehörige befragt, wer für sie eine Heldin/ ein Held ist und warum. Dabei haben wir ganz unterschiedliche Meinungen gehört. Einige Eigenschaften wurden immer wieder genannt.

Danach ist eine Heldin/ ein Held:
- mutig
- überwindet seine eigenen Ängste
- handelt im Moment der Tat selbstlos
- ist offen für seine Mitmenschen
- bringt etwas in Bewegung

Auf unsere Frage „Würdest Du/ Würden Sie gern eine Heldin oder ein Held sein?“ wünschten sich alle Befragten, in einer Ausnahmesituation furchtlos Menschen oder Tiere zu retten, mit Worten oder durch eine Tat.

Da wir in dem an der Weinstr./ Ecke Barnimstr. Gelegenen Jugendverkehrsgarten unsere Fahrradprüfung abgelegt haben, erzählen uns unsere Religionslehrerinnen, dass auf dem Platz das größte Frauengefängnis Deutschlands gestanden hat- 1864 eröffnet/1974 abgerissen.

Wir beschließen, uns mit dem Schicksal von drei Frauen zu beschäftigen, die in der Zeit des Nationalsozialismus dort inhaftiert waren.

Frau Claudia von Gèlieu hat uns über die Geschichte des Frauengefängnisses erzählt.

Herr Hans Hübner hat uns mit der Malerin Helen Ernst bekannt gemacht.

Den Lebenslauf der Studentin Eva- Maria Buch haben wir in Büchern nachgelesen und den Gedenkort für sie in der Unterkirche der St. Hedwigs- Kathedrale angesehen.

Besonders berührt uns das Gespräch mit unserer Zeitzeugin, der Schriftstellerin Elfriede Brüning, die im November 2009 99 Jahre alt wird.

Im Schlusswort schreiben die Schüler/innen über Helen Ernst, Eva-Maria Buch und Elfriede Brüning:
Ihre Gemeinsamkeit war der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, der zu ihrer Inhaftierung führte. Der Ort ihrer Haft, das Frauengefängnis in der Barnimstraße, verbindet sie, auch wenn sie zu verschiedenen Zeiten dort waren. Trotz dieser Gemeinsamkeit waren sie ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Sie kamen aus verschiedenen Elternhäusern. Eva-Maria Buch wuchs in einem christlichen Elternhaus auf und verlebte dort eine behütete Kindheit. Elfriede Brüning erlebte in Berliner Arbeiterbezirken die tägliche Mühe ihrer Eltern, den Lebensunterhalt der Familie zu erwirtschaften. Helen Ernst verbrachte schwierige Kindheitsjahre mit ihrem allein erziehenden Vater in Griechenland, der Schweiz und Deutschland.

Die Gründe für ihren Kampf gegen den Nationalsozialismus waren unterschiedlich. Bei Helen Ernst und Elfriede Brüning war es ihre politische Überzeugung, bei Eva-Maria Buch ihre christliche Nächstenliebe und ihre Beziehung zu Wilhelm Guddorf. Helen Ernst, Eva-Maria Buch und Elfriede Brüning haben großen Mut bewiesen. Sie haben Widerstand geleistet, ohne sich von den Folgen,
die eine Entdeckung mit sich brachte, abhalten zu lassen. Sie haben für sich nicht den bequemen Weg des Stillhaltens und Abwartens gewählt, sondern gehandelt. Helen Ernst sogar immer wieder, nach jeder Verhaftung. Sie haben sich von den Haftbedingungen nicht kaputt machen lassen. Als junge und schutzlose Frauen befanden sie sich im Gefängnis in einer menschenfeindlichen Umgebung, die ihnen unvorstellbare Angst eingeflösst haben muss. Doch sie fanden die Kraft, jeden Tag aufs Neue zu bestehen.

Helen Ernst schöpfte diese Kraft aus der Malerei, Elfriede Brüning aus dem Schreiben und Eva-Maria Buch aus ihrem Glauben. Die Schicksale der drei Frauen machen uns auch deutlich, dass der Nationalsozialismus über die Jahre immer brutaler und menschenverachtender wurde. Frau Brüning hat es bei unserem Gespräch deutlich gesagt. In späterer Zeit wäre sie für die ihr vorgeworfene Tat hingerichtet worden. Ein Opfer dieser zunehmenden Gewalt war Eva-Maria Buch. Sie wurde 1943 allein dafür hingerichtet, dass sie einen von anderen verfassten Text in die französische Sprache übersetzt hatte.

Alles, was wir über Helen Ernst, Eva-Maria Buch und Elfriede Brüning erfahren haben, hat uns sehr berührt und in Gedanken immer wieder beschäftigt. Für das, was sie getan haben und wie sie mit den Folgen ihres Handelns umgegangen sind, bewundern wir sie. Wir lernen von ihnen, dass einer mutigen Entscheidung viele Ängste und Unsicherheiten voran- und nachgehen können. So hat Elfriede Brüning, die während ihrer Haft stark und geschickt war, nach ihrer Freilassung einen Nervenzusammenbruch erlitten.

Im Ergebnis kommt es darauf an, wie man mit seinen Ängsten, Zweifeln und Unsicherheiten umgeht. Ob man die Kraft findet, trotzdem zu handeln, wenn es darauf ankommt. Das macht für uns eine Heldin bzw. einen Helden aus. Die drei Frauen haben diese Fähigkeit gehabt. Deshalb sind sie für uns Heldinnen, auch wenn sie im Schatten berühmterer Gefangener in der Barnimstraße und bekannterer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus stehen werden. Um eine Heldin bzw. ein Held zu sein, kommt es nicht darauf an, wie berühmt man ist.

Die Beschäftigung mit Helen Ernst, Eva-Maria Buch und Elfriede Brüning macht uns Mut für unser Leben. Wenn wir bewusst und mit offenen Augen durch das Leben gehen, unseren Nächsten und seine Bedürfnisse wahrnehmen, werden wir hoffentlich erkennen, wann es gilt zu handeln und die dafür erforderliche Kraft und Entschlossenheit aufbringen.

Am 3. Juli 2009 waren die Schüler/innen und ihre Religionslehrerinnen zur Landespreisverleihung Berlin/ Brandenburg ins Deutsche Historische Museum eingeladen.

Sie schreiben darüber:
Am Tag der Preisverleihung trafen wir uns nach der zweiten Schulstunde im Religionsraum. Zusammen mit unserer Schulleiterin Frau Helm, den Müttern von Daria und Saskia, Frau Körner und Frau Schrimpf machten wir uns auf den Weg ins Deutsche Historische Museum.

Da wir rechtzeitig losgegangen waren, konnten wir uns am Springbrunnen im Lustgarten erfrischen und saßen im Kinosaal in den ersten Reihen.Frau von Gèlieu, Herr Hübner und Frau Brüning hatten wir zur Feierstunde eingeladen und sie waren gekommen.

Wir haben uns sehr darüber gefreut und danken ihnen. Begrüßt wurden wir durch den Direktor des Deutschen Historischen Museums Herrn Vorsteher.

Grußworte sprachen die Staatssekretäre Frau Claudia Zinke/ Berlin und Herr Burkhard Jungkamp/ Brandenburg. Der Moderator Stefan Frint/ Körber- Stiftung stellte die einzelnen Arbeiten und die Preisträger/innen vor.

Ganz tolle Musik machten „Die Weberknechte“ von der Kreismusikschule Finsterwalde.

Gefreut haben wir uns, dass Frau Elfriede Brüning besonders begrüßt und oft fotografiert wurde.

Im Anschluss aßen wir leckere Teilchen, Brezeln, Fleischbällchen und stärkten uns mit Saft. Zum Landessieg gehörte nicht nur der Tag im Deutschen Historischen Museum, sondern auch 250 Euro Preisgeld.

Am Ende der Feierstunde haben unsere Religionslehrerinnen jedem von uns in einem Briefumschlag 15 Euro übergeben. So bleiben uns noch 160 Euro.

Wir brauchten nicht lange zu überlegen und waren uns sofort einig. Wir wollen die kleine Gedenktafel am Zaun, der den Jugendverkehrsgarten umgibt, und deren Text durch Graffiti-Schmierereien fast unleserlich ist, erneuern.

Auf der Tafel steht:
An dieser Stelle stand bis 1974 das Frauengefängnis Barnimstaße. Zwischen 1933 und 1945 war es für mehr als 300 Widerstandskämpferinnen die letzte Station vor der Hinrichtung in Plötzensee.

Sie wurde von den Verbänden der Verfolgten des Naziregimes (VVN) angebracht. Frau von Gèlieu wird uns bei der Verwirklichung unseres Plans unterstützen.

Es war ein interessanter Tag und wir danken allen, die ihn ermöglicht haben.